Vom 13. bis zum 25. Oktober 2026 fand die Einzel-Europameisterschaft der IBCA (International Braille Chess Association) für blinde und sehbehinderte Spielende im klassischen und im Schnellschach in Griechenland auf der Insel Kreta. Das Hotel war ein Urlauberhotel, verbunden mit Pools, täglichen abendlichen Shows oder auch einem großen Essensangebot in der Nähe eines Strandes. Da ich mich komplett auch das Turnier konzentrieren wollte, war ich weder im Pool oder am Strand, noch bin ich zum Ausflug nach Knossos mitgekommen.
Untergekommen waren wir im Hauptgebäude, auch wenn leider von Seiten des Hotels nicht versucht wurde, die Delegationen im selben Stockwerk unterzubringen. Gespielt wurde im Nebengebäude mit einer Entfernung von Eingang zum Eingang von ca. 100 Metern. Nach anfänglichem Regen spielte auch das Wetter ab dem dritten Tag mit.
Das Turnier startete für mich sehr gut. Die erste Runde gegen Tschechen Polnar begann in einem ruhigen Spiel, wobei ich ihm mit Schwarz im Kolle-System zunächst zu Schwächen provoziert habe, dann einen Bauer gewann, dass sich auch im Endspiel nicht mehr änderte. Nach dem Bauerngewinn wurde ich im Spiel jedoch unsauberer, wobei ein stärkerer Gegner dieses Endspiel vielleicht gehalten hätte. Dieses Spiel habe ich innerlich als Warnung genommen, bei den weiteren Spielen auch mit Vorteil weiterhin fokussiert zu bleiben.
In der zweiten Runde ging es gegen Racis, ein junges Mädchen aus Polen (Jahrgang 2012), welche Tage zuvor in der Frauenweltmeisterschaft den 2. Platz erzielte. Ich wusste aus den wenigen vorliegenden Partien nur, dass sie gerne aggressiv spielte und entschloss mich, aus der gängigen Theorie wegzugehen. In der Partie konnte ich innerhalb ihres Angriffsversuch taktisch eine Qualität und wenige Züge später die Partie gewinnen.
In Runde drei gab es ein Spiel gegen den ersten „härteren Brocken“, IM Stachanzcyk aus Polen. Hier funktionierte die Vorbereitung innerhalb des spanischen Systems perfekt. Mit Schwarz kam ich in eine ausgeglichene Stellung mit Tendenz für die schwarze Seite. Außerdem habe ich mir so anfangs einen Zeitvorteil von einer halben Stunde erarbeitet, der später half, dass er in einer komplizierten Stellung in Zeitnot sich für ein aktives Gegenspiel entschied, was zu seinem Verlust führte. Herbei ist zu erwähnen, dass wir mit einem Zeitmodus von 2 Stunden für die gesamte Partie zuzüglich 30 Sekunden pro Zug gespielt haben. Damit ist eine Zeitnot gleichbedeutend, dass diese für den Rest der Partie anhält.
So war nun das erste Drittel des Turniers absolviert und ich war einer von drei Spielern, die mit drei Siegen aus drei Partien Die vierte Runde selbst war ein unspektakuläres Remis nach etwa zwei Stunden Spielzeit, wobei mein an Startrang 3 gesetzter Gegner, FM Streltsov aus Israel, sichtlich unzufrieden war. In meiner letzten Turnier-Begegnung habe ich auch am Samstag gespielt und nach einer langen Partie verloren. Der Samstag ist hierbei relevant, da er aus religiösen Gründen an diesem Tag nicht schreibt oder die Uhr selbstständig drückt. Für einen Zeitausgleich gibt es zwar keine absolute Regelung, aber eine Empfehlung aus dem Beiheft der Fide-Regeln sieht einen Zeitverlust von 10 Minuten vor, wie in diesem Turnier. Im technischen Meeting haben wir, d.h. die deutsche Delegation, vom Hauptschiedsrichter eine Bestätigung erhalten, dass wir ebenfalls an diesem Tag mit 10 Minuten weniger, aber ohne zu schreiben oder die Uhr zu drücken, spielen können. Dies habe ich in der klassischen Partie getan.
Als Assistenz fungierte hier Nils Werthmann, der als Begleitung & Betreuer mitgekommen war. Sollten Personen diesen Bericht lesen, die selbst als eine Assistenz für so einen Fall agieren werden, dann möchte ich sie hierzu darauf hinweisen, die Uhr erst zu betätigen, nachdem der Zug gesteckt wurde und nicht nachdem dieser angesagt ist. Dies ist zwar nicht bei mir, aber im Schnellschach bei einem anderen deutschen Vertreter, Dominik Müller, gegen Streltsov vorgekommen. Dies war in einer Partie, in der Müller in hoher Zeitnot eine gewonnene Partie wegstellte.
Ich war nach dieser Runde, in der ich meine bereits dritte Schwarzpartie spielen musste, sehr zufrieden, sowohl über das Remis, also auch die unproblematische Art und Weise.
In der fünften Runde gab es bereits den dritten Gegner aus Polen, IM Dukaczewski, der mich mit der Eröffnungswahl überraschte und ich hierbei vermutlich zu ungefährlich gespielt habe, wobei wir nach einer Abwicklung in ein Endspiel die Züge wiederholten. Ich hatte mir mehr für die Partie vorgenommen. Allerdings spielte Dukaczewski diesmal besser und konnte verdient mit Schwarz remisieren. In der Partie im Schnellschach haben wir dieselbe Eröffnung gespielt, wobei ich mir in der Zwischenzeit in der Nachbereitung eine bessere Fortsetzung angeschaut hatte, und die Schnellschachpartie leicht gewinnen konnte. Mit einem Zwischenergebnis von 4 Punkten aus 5 Partien war ich ganz vorne mit dabei.
Mit Weiß gegen den an 12 gesetzten Ridzel aus der Ukraine wollte ich wieder einen Sieg erzielen. Die Eröffnungswahl verlief auch gut, ich tauschte schnell die Damen und hatte eine unproblematische Stellung, bei der ich einen Vorteil entwickelte und er sichtlich genervt war und mir in den ersten 20 Zügen bereits zwei Mal remis anbot. Ich habe leider nicht den Plan gefunden, der den Vorteil festhält und landete so in einem Endspiel mit Doppelturm und Läufer, das objektiv ausgeglichen war, aber nur Weiß derjenige ist, der auf Sieg spielt. In dieser Situation geschah eine kurze Unachtsamkeit und ich verlor dreizügig einen Bauer. Unglücklich war nur, dass dies in einer Form geschah, dass in einem verlorenen Turnendspiel endete. An dieser Stelle Gratulation, denn er wurde Zweiter, über einen halben Buchholzpunkt mehr als ich. Diese Partie hat weh. Nicht nur wegen eines so einfachen Fehlers, sondern auch, da ich wusste, dass ich noch gegen den Topfavoriten spielen werden und sehr wahrscheinlich die anderen beiden Partien gewinnen musste. Dies ging mir so nahe, dass ich in der folgenden Nacht nicht gut schlafen konnte.
Angespannt und nervös ging es in der siebten Runde gegen den Zweitplatzierten der Jugendweltmeisterschaft, Johansson aus Schweden. Ich wusste, dass er zuletzt mit Weiß einen Aufbau mit einem doppelten Läuferfianchetto spielte, also habe ich mich auf eine lange, zähe Partie eingestellt. Nach einem ruhigen Beginn kann es zu einem großen Abtausch, angefangen mit einem Figurenopfer seinerseits. Nachdem der „Rauch verflogen“ war, wären wir eigentlich in einer Stellung geendet, in der ich zwar einen Mehrbauern habe, aber er nach meiner Ansicht innerhalb der Partie, was sich mit der Computeransicht deckte, genügend Kompensation hat. Zum Glück wickelte er falsch ab, wodurch ich seinen Läufer fangen konnte. Er gab zwar nicht sofort auf, aber der Gewinn war nur eine Formsache. Auch wenn sich dies einfach anhört, hatte mein Gegner einen unerwarteten Helfer, da mich eine Fliege nach dem Figurengewinn so sehr störte, dass ich mich nicht richtig konzentrieren konnte und ich kurz davor war, die Figur taktisch einzustellen.
In der achten Runde kam es zum Showdown gegen den an eins gesetzten IM Pulvett Marin aus Spanien. Wie auch schon in der letzten Begegnung innerhalb der Einzelweltmeisterschaft konnte ich hier remis spielen. Der Unterschied war nur, dass er mir nach 10 Zügen Remis bot und zusammen mit einem kurzen Remis in der letzten Runde den Turniersieg entspannt ausklingen lassen konnte.
Ich der letzten Runde bekam ich den vierten Gegner aus Polen. Falkowski war zwar der auf dem Papier schwächste Gegner mit 5,5 Punkten vor der letzten Partie, aber wenn man auf die 6. Runde schaut, dann muss dies nichts heißen. In der Vorbereitung habe ich mich auf Vorschlag meines Begleiters zu einer Nebenvariante entschieden, die objektiv nachteilig für Schwarz ist, aber wir nicht davon ausgegangen sind, dass er sich gut auskennen wird und diese giftige Variante als Überraschung gefährlich sein kann. Die Partie lief gefühlt besser als erwartet. Ich gewann in der Eröffnung nicht nur einen Bauern ohne viel Gegenspiel, sondern er machte schnell einen spielentscheidenden Fehler, wobei ich diese entscheidende letzte Runde innerhalb von 25 Zügen gewann.
So war der dritte Platz gesichert und bei besseren Ergebnissen in der letzten Runde zu meinen Gunsten, war auch der zweite Platz möglich.
Ich war überglücklich, nach zwei dritten Plätzen bei der Jugend-WM der IBCA nun auch eine weitere Top-Drei-Platzierung international für Deutschland im Blindenschach erzielen zu können.
Zum Schnellschach selbst werde nicht weniger ausführlich berichten. Dies verlief an den beiden Tagen nach Abschluss des klassischen Turniers an zwei Tagen im Zeitmodus von 25 Minuten für jeden Spieler und 15 Sekunden pro Zug.
Wie auch im klassischen Turnier setzte sich der Spanier IM Pulvett durch. Der GM Tazbir aus Polen hatte zwar ebenfalls 8 Punkte aus 9 Partien, aber die schlechtere Unterwertung.
Ich hatte ein durchschnittliches Turnier gespielt, war an Startrangplatz 5 gesetzt und wurde Sechster, wobei es einen Aufreger in der vorletzten Runde gab, wo ich – wie kann es auch anders sein – gegen FM Strelsov spielte, der eine Assistenz zum Drücken der Uhr und ohne Zeitnachteil spielte. An dieser Stelle eine Frage für die Regelkundigen: In der Partie trat eine dreifache Zugwiederholung auf. Da ich wusste, dass seine Assistenz als Schiedsrichter fungierte, habe ich dies auch reklamiert und konnte die letzten acht Züge nachstellen, die zur Zugwiederholung führten. Ich bin davon ausgegangen, dass eine Anwesenheit eines Schiedsrichters, der dies bestätigen konnte, ausreicht. Mein Gegner erwiderte, dass es nicht stimmt und dass es nur möglich sei, wenn dies schriftlich erfasst wird durch einen Schiedsrichter und ich diesen im Vorhinein dazu beauftragen müsste, die schriftliche Aufzeichnung zu starten.
Ihm wurde von den anwesenden Schiedsrichtern gesagt, dass es ausreicht, wenn ein Schiedsrichter anwesend ist und meine aktive Reklamation bestätigen kann. Das Problem war, dass an einem anderen Brett kurz davor ein Problem aufgetreten war und sie so kurzfristig die Assistenz getauscht haben. So war zwar immer ein Schiedsrichter anwesend, aber keiner, der eine dreimalige Zugwiederholung bestätigen konnte. Als Kompromiss wurde sich darauf geeignet, dass diese Stellung als zweite Wiederholung zählt, wir weiterspielen, aber mein Gegner für die fehlerhafte Reklamation auch keine Zeitgutschrift erhält. So ging die Partie noch etwa 40 bis 50 Züge weiter, bis wir uns in einer Stellung mit drei Figuren, zwei Königen und einem Springer befanden. Diese Partie endete nach langem Kampf Remis. Auch da mein Gegner mich innerhalb der Diskussion explizit „liar“, also Lügner, vor den Ohren aller anwendender Personen, wie den Schiedsrichtern, nannte, hätte es mich sehr gefreut, wenn er in der letzten Runde mit einem Verlust seinen dritten Platz verloren hätte. Ich verstehe, dass im Eifer des Gefechts gewisse Äußerungen passieren können, die man nicht so meint, nur erwarte ich zumindest, dass man sich im Nachhinein für einen derartigen Fehltritt entschuldigt. Dies ist bislang nicht geschehen. Die letzte Runde verschob sich so um eine halbe Stunde.
Ich weiß nicht, ob ich das Schnellschachturnier noch einmal mitspielen möchte, aber ich finde es generell eine gute Sache, dieses anzubieten. In dieser Siegerehrung waren weniger als die Hälfte der Spieler anwesend. Als ein offizielles internationales Turnier finde ich so eine Quote erschreckend, dass verschiedene Spieler oder z. T. ganze Delegationen trotz einer Heimkehr am folgenden Tag nicht für notwendig befanden, den Siegern zu gratulieren.
Ich danke den Ausrichtern für die sehr guten Spielbedingungen, unserer Delegationsleiterin Melanie Ahrens für ihre Mühen und insbesondere meinem Begleiter Nils Werthmann für die Betreuung und gemeinsamen Briefings innerhalb der Vorbereitung.
Mirko Eichstaedt